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 BOARDS OF GOVERNORS z 2005 ANNUAL MEETINGS z WASHINGTON, D.C.

WORLD BANK GROUP
  INTERNATIONAL BANK FOR RECONSTRUCTION AND DEVELOPMENT
  INTERNATIONAL FINANCE CORPORATION
  INTERNATIONAL DEVELOPMENT ASSOCIATION
  INTERNATIONAL CENTRE FOR SETTLEMENT OF INVESTMENT DISPUTES
                                                                                              J
  MULTILATERAL INVESTMENT GUARANTEE AGENCY
INTERNATIONAL MONETARY FUND                                                 Press Release No. 2-G



                                                                           24.–25. September 2005




                                Final Version Checked Against Delivery




                                   Rede von PAUL WOLFOWITZ,
                                    Präsident der Weltbank-Gruppe,
                             vor dem Gouverneursrat der Weltbank-Gruppe,
                                   bei der gemeinsamen Jahrestagung
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Den Kurs für die Zukunft abstecken: Die Ergebnisagenda



                           Final Version Checked Against Delivery



                            Rede anlässlich der Jahrestagung 2005
                                             von
                                     Paul D. Wolfowitz
                                          Präsident
                                   Die Weltbank-Gruppe
                            Washington, D.C., 24. September 2005



I. Aufruf zum Handeln

Verehrter Herr Vorsitzender, sehr geehrte Gouverneure, sehr verehrte Gäste,

zur Jahrestagung der Weltbank-Gruppe und des Internationalen Währungsfonds hier in
Washington heiße ich Sie sehr herzlich willkommen. Es ist mir eine große Ehre, erstmals als
Präsident der Weltbank-Gruppe vor Sie treten zu dürfen.

Und mit einem sehr ausgeprägten Verantwortungsbewusstsein übernehme ich dieses hohe Amt in
einer Institution, die im Mittelpunkt des weltweiten Bestrebens steht, den ärmsten Menschen der
Welt die Chance auf eine bessere Zukunft zu bieten.

                                             ***

Ferner möchte ich meinem Kollegen Rodrigo de Rato vom Internationalen Währungsfonds sowie
meinem Direktorium danken, die mir in den letzten Monaten so umfassende und wertvolle
Unterstützung zuteil werden ließen.

Ganz besonders danke ich Jim Wolfensohn, der heute leider nicht anwesend sein kann. Wir
wünschen ihm alles Gute und eine baldige Genesung. In den vergangenen 10 Jahren ist es unter
seiner Führung gelungen, die Moral und das Ansehen dieser Institution ganz erheblich zu
verbessern und uns gezielt auf unsere zentrale Aufgabe, den Abbau der Armut, auszurichten. Jim
hat darüber hinaus wichtige Probleme—etwa die Korruption und die Rolle der
Zivilgesellschaft—ganz oben auf die entwicklungspolitische Agenda gesetzt. Die Weltbank-
Gruppe ist dank seiner Führung heute sehr viel stärker und gefestigter.

                                             ***
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Wir kommen hier und heute in einem außergewöhnlichen Abschnitt der Geschichte zusammen.
Nie waren Ergebnisse im Kampf gegen die Armut dringlicher. Und nie hat die weltweite
Gemeinschaft stärker darauf gedrängt zu handeln.

Am Vorabend des G8-Gipfels in Gleneagles wohnte ich gemeinsam mit 50.000 jungen Menschen
in einem Fußballstadion in Edinburgh dem letzten der Live 8 Konzerte bei. Das Wetter war
schlecht, doch der Regen konnte die Begeisterung der Menge nicht dämpfen.

Alle Blicke ruhten auf dem Mann, der auf der riesigen Videoleinwand erschien—dem Vater der
Freiheit in Südafrika. Die Menge brach in tosenden Applaus aus, als Nelson Mandela uns zu
einem neuen Kampf aufrief—der großen Aufgabe unserer Zeit—dass „Armut Geschichte wird“.

                                              ***

Bei genauer Betrachtung der Fakten wird jeder zustimmen, dass dringender Handlungsbedarf
besteht.

Tag für Tag sterben Tausende von Menschen, die in extremer Armut leben, viele von ihnen
Kinder, an vermeidbaren Erkrankungen.

Tod und Mangel haben in Afrika ein besonders Besorgnis erregendes Ausmaß angenommen.
Seit 1981 hat sich die Zahl der Afrikaner, die von weniger als 1 US-Dollar pro Tag leben, von
164 Millionen auf 314 Millionen nahezu verdoppelt.

Doch wir können viel tun, um Menschen dabei zu helfen, der Armut zu entrinnen, um Leben zu
retten und um Hoffnung zu spenden.

                                              ***

Das Drängen, der Armut ein Ende zu setzen, überschreitet alle Grenzen—jene von Generationen,
Kontinenten und Nationalitäten. Es eint Religionen, Geschlechter und politische Systeme.

Ob Konzerte in Stadien, Demonstrationen auf der Straße oder Gipfeltreffen auf höchster Ebene—
Bürger und politische Führer—aus reichen wie aus armen Ländern—sind gleichermaßen von
diesem Leid erschüttert. Sie alle fordern Taten.

Im Juli ist man in Gleneagles zu einer historischen Vereinbarung gelangt. Die Führer der G8-
Länder verpflichteten sich, die Hilfen für Afrika zu verdoppeln und den ärmsten Ländern
Schulden zu erlassen.

Damit stehen wir nun an einem Wendepunkt und es besteht Anlass zur Hoffnung. Tatsächlich
haben sich in den letzten Jahrzehnten die Lebensbedingungen der Ärmsten der Welt dramatisch
verbessert.
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In den vergangenen fünfundzwanzig Jahren hat sich die Zahl der Menschen, die von weniger als
1 US-Dollar pro Tag leben, weltweit um rund 400 Millionen verringert—der stärkste Rückgang
seit Jahrhunderten.

Die Menschen in Entwicklungsländern leben länger—durchschnittlich fast fünfzehn Jahre—als
noch vor vierzig Jahren.

Vor dreißig Jahren konnten 50 Prozent der Bevölkerung in Entwicklungsländern weder lesen
noch schreiben. Bis heute hat sich diese Quote um die Hälfte verringert.

Große Fortschritte wurden bereits erzielt—weitere sind möglich. Die Erfolge, die wir in weiten
Teilen Asiens und Lateinamerikas verzeichnen konnten, können auch andere Teile der Welt
verändern.

Vor wenigen Wochen sprach ich mit einer armen pakistanischen Frau aus dem Dorf Dhok
Tabarak, die sich an einem Projekt zur ländlichen Entwicklung beteiligte, das vom pakistanischen
Fonds zur Verringerung der Armut mit Unterstützung der Weltbank gefördert wurde.

Ich fragte sie, ob der Erfolg ihres Projekts auch andernorts in Pakistan wiederholt werden könnte.
Mit glühender Überzeugung entgegnete sie: „Natürlich, warum nicht? Die Japaner haben es
geschafft. Die Chinesen haben es geschafft. Warum sollten wir Pakistanis es nicht schaffen?“

Welchen Unterschied vierzig Jahre doch ausmachen können. Ich erinnere mich noch daran, dass
ich Mitte der 1960er Jahre pessimistische Analysen las, die den Niedergang Südkoreas
prophezeiten, weil es dem Land an den nötigen Voraussetzungen für eine erfolgreiche
Entwicklung mangelte. Doch innerhalb weniger Jahrzehnte haben Korea und Ostasien den
größten Wohlstandszuwachs für die meisten Menschen innerhalb der kürzesten Zeit in der
Geschichte der Menschheit verzeichnet.

Wenn wir die Energien der Völker in Afrika freisetzen und das Potenzial des privaten Sektors zur
Schaffung von Arbeitsplätzen ausschöpfen können, wird Afrika nicht nur ein Kontinent der
Hoffnung, sondern ein Kontinent des Erfolges werden.

Die Herausforderungen und Probleme in Afrika mögen überwältigend und die Statistiken
niederschmetternd erscheinen, doch an eines sollten wir stets denken: Für jeden Afrika-
Pessimisten heute gab es vor vierzig Jahren einen Ostasien-Fatalisten.

II. Entwicklung des entwicklungspolitischen Denkens

Auch mit Blick auf unser Verständnis dafür, wie Entwicklung funktioniert, sind wir in den letzten
40 Jahren ein gutes Stück vorangekommen. Wir wissen, dass dieser Prozess komplex und—in
mancher Hinsicht—rätselhaft sein kann.
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Vor vierzig Jahren versuchten Gelehrte Wirtschaftswachstum in erster Linie anhand des Einsatzes
von Arbeit und Kapital zu erklären. Als eine dritte Variable—Technologie—berücksichtigt
wurde, wurde dies als bemerkenswerte Neuerung angesehen.

Heute haben wir ein umfassenderes und weit besseres Verständnis dafür, was die Entwicklung
und das Wachstum voranbringt.

Wir wissen, dass nachhaltiges Wirtschaftswachstum entscheidend ist für Entwicklung und
Armutsabbau. Wir wissen auch, dass viele Faktoren, die die Entwicklung voranbringen,
numerisch nicht messbar sind. Und weil sie schwieriger zu messen, schwieriger vorherzusagen
und häufig auch schwieriger zu beeinflussen sind, neigt mancher dazu, diese Faktoren als
„weiche Faktoren“ abzuqualifizieren.

Das wäre ein schwerer Fehler—denn nachhaltige Entwicklung ist von Führungsstärke und
Rechenschaftspflicht, von der Zivilgesellschaft und den Frauen, vom privaten Sektor und von
Rechtsstaatlichkeit ebenso abhängig wie von Arbeit und Kapital.

Lassen Sie mich bitte kurz auf jeden dieser vier Faktoren eingehen.

Führungsstärke und Rechenschaftspflicht

Der vielleicht wichtigste Bestimmungsfaktor für den Abbau der Armut ist Führungsstärke.

Doch Entwicklung ist wie ein Mannschaftssport, so dass es bei der Führungsstärke, von der wir
sprechen, nicht um die Leistung des Einzelnen geht; sie muss auf einem soliden Fundament aus
Vertrauen, Respekt und Teamwork fußen. Wie Nelson Mandela einmal zu mir sagte, setzt wahre
Führungsstärke die Erkenntnis voraus, dass man nicht als Einzelner handelt, sondern—um mit
seinen Worten zu sprechen—das Kollektiv vertritt.

Oder wie er es vor vielen Jahren auf den einfachen Nenner brachte: „Unendlich viel ist
erreichbar, solange man sich nicht darum schert, wer die Anerkennung dafür erhält.“

Effektive Führer erkennen auch an, dass sie gegenüber ihrem Volk rechenschaftspflichtig sind.
Effektive Führer hören zu. Institutionen, die diese Rechenschaftspflicht überwachen, etwa die
Zivilgesellschaft oder eine freie Presse können den Führern helfen, ihrem Volk zuzuhören,
können dazu beitragen, sie in die Pflicht zu nehmen, dass sie auch tatsächlich Ergebnisse erzielen,
und Korruption aufzudecken.

Korruption saugt Ressourcen auf und ist ein Negativanreiz für Investitionen. Sie begünstigt die
Privilegierten und schadet den Armen. Sie ist eine Bedrohung für die Hoffnung auf eine höhere
Lebensqualität und eine aussichtsreichere Zukunft.

Eine verantwortungsvolle und solide Regierungsführung bereitet dagegen den Boden, auf dem
eine robuste Zivilgesellschaft und ein kraftvoller privater Sektor gedeihen.
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Zivilgesellschaft und Frauen

Ein zweiter wichtiger Faktor ist die Zivilgesellschaft, insbesondere ihre Rolle bei der
Gleichberechtigung der Frau.

Organisationen der Zivilgesellschaft (CSO) unterstützen die Rechenschaftspflicht, da sie als
Bindeglied zwischen den Bürgern und ihrer Regierung fungieren. Doch sie sind weit mehr als
das. CSO sind Wachstumsmotoren und schaffen Möglichkeiten. In jedem Land, das ich besucht
habe, stellten sie einen reichen Erfahrungsschatz bezüglich des Erwerb, der Anpassung und der
Weitergabe von Wissen zur Verfügung und trugen auf diese Weise in ihren örtlichen
Gemeinschaften zum Wachstum bei.

Organisationen der Zivilgesellschaft sind darüber hinaus besonders wichtig für die Befähigung
der Frauen zu eigenverantwortlichem Handeln, zumal die Frauen ein wichtiger Faktor für
erfolgreiches Wachstum sind. Eine arme Frau in Pakistan sagte einmal zu mir: „Entwicklung ist
wie ein Wagen mit zwei Rädern—das eine ist ein Mann, das andere eine Frau. Wenn sich eines
der Räder nicht dreht, kommt der Wagen nicht voran.“

Leistungsfähige CSO wie das Bangladesh Rural Advancement Committee und die Grameen Bank
sind bereits Millionen von Frauen zugute gekommen, denen sie als Starthilfe für den Aufbau
eines eigenen Unternehmens Kleinkredite zur Verfügung stellen. Mit den Gewinnen aus diesen
Unternehmen wird Kindern, und insbesondere Mädchen, der Besuch einer Schule ermöglicht.

Ein dritter wichtiger Faktor ist der private Sektor. Ein florierender privater Sektor ist der
wichtigste Motor für Wachstum und Beschäftigung.

Eines des größten Wachstumshemmnisse für kleine und mittlere Unternehmen ist der Mangel an
Krediten. Die Weltbank-Gruppe hat mit solider Politikberatung die Vergabe von Mikrokrediten
gefördert. Gleichwohl müssen wir neuartige Wege finden, um den Zugang zu
Finanzdienstleistungen unter Berücksichtigung sowohl lokaler als auch regionaler Bedürfnisse
und Ansätze zu verbessern.

Die MIGA und die IFC reagieren mit der Bereitstellung von benötigten Ressourcen und
Beratungsleistungen auf die Risiken sowie den Kredit- und Kapitalbedarf. Einer der wichtigsten
Beiträge der IFC und der Weltbank zur Förderung eines investitionsfreundlichen Klimas ist der
Doing Business Report, der die Bedingungen in 155 Ländern beurteilt.

Dieser Bericht legt dar, dass in vielen afrikanischen Ländern die Kosten für die Anmeldung eines
Gewerbes so immens hoch sind, dass die meisten Unternehmen gezwungen sind, in der
Schattenwirtschaft tätig zu werden.

Der Bericht ist ein überaus wichtiges Hilfsmittel, mit dem Entwicklungsländer herausfinden
können, an welcher Stelle weitere Reformen notwendig sind.
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Rechtsstaatlichkeit

Und schließlich wir uns in unserem Kampf gegen die Armut kein Durchbruch gelingen, wenn wir
uns nicht für die Gleichheit vor dem Gesetz und die rechtliche Befähigung der Armen stark
machen. Dies sind wesentliche Aspekte, um das Potenzial der sozialen und wirtschaftlichen
Energie in armen Gemeinschaften freizusetzen.

Zu wissen, dass Gesetze aufrecht erhalten werden können—dass Rechte geschützt werden—dass
Verträge durchgesetzt werden—bietet den Menschen Anreize, in ihre Zukunft zu investieren.

Solide gesetzliche Rahmenbedingungen müssen darüber hinaus auch durch ein regulatorisches
System flankiert werden, das einheitlich und kohärent ist und darüber hinaus gerecht angewendet
wird.

Ein afrikanischer Geschäftsmann sagte einmal zu mir: „Das Problem ist nicht die Bestechung. Ich
würde mir vielmehr wünschen, dass die Bürokraten bei der Auslegung der Vorschriften weniger
Spielraum hätten.“

III. Im Fokus: Etwas bewegen

Zwar werden wir auch künftig eng mit unseren Partnern in 184 Ländern zusammenarbeiten, doch
wir von der Weltbank-Gruppe müssen uns darüber klar werden, dass wir nicht für alle Menschen
alles leisten können. So wie unsere Partner ihre ganz speziellen Probleme und Anliegen haben,
hat die Weltbank-Gruppe ihre ganz speziellen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Wenn wir
versuchen, Experten für alles zu sein, riskieren wir, mit nichts Erfolg zu haben.

Um zu lernen und um Sachkenntnis zu entwickeln, müssen wir unseren Partnern zuhören. Ein
Gouverneur eines nigerianischen Bundesstaates brachte es mir gegenüber klar zum Ausdruck:
„Was ich brauche, ist nicht noch ein Studierter, der hierher kommt, um mir zu sagen, was meine
Probleme sind. Was ich brauche, ist Hilfe bei deren Lösung.“

Um diese Lösungen zu finden, müssen wir unser Wissen und unsere Sachkenntnis in solchen
Bereichen wie Bildung, Gesundheitswesen, Infrastruktur, Energie und Landwirtschaft erweitern.

Bildungswesen

Eine vielversprechende Initiative, von der ich während meiner Reise nach Südasien erfuhr, war,
dass Pakistan und Indien sich nun intensiv um die Schulausbildung der Mädchen bemühen. Es
scheint, dass pakistanische Männer zunehmend anerkennen, dass auch ihre Töchter eine
Schulbildung brauchen. Mit der Initiative zur beschleunigten Umsetzung der Grundbildungsziele
„Bildung für Alle“ will die Weltbank gemeinsam mit anderen Gebern in 60 Ländern erreichen,
dass sich die Zahl der Mädchen, die eine Schule besuchen, in den nächsten fünf Jahren
verdoppelt. Einen Plan haben wir. Nun brauchen wir die Mittel. Wir werden jährlich 2,5
Milliarden US-Dollar aufbringen müssen, um die Träume von Tausenden von Schulkindern, die
auf eine bessere Zukunft hoffen, wahr werden zu lassen.
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Gesundheitswesen

Und wie der Mangel an Bildung sind auch die gesundheitlichen Probleme der Ärmsten eine
menschliche Tragödie—sie hemmen das Wachstum und machen Möglichkeiten zunichte.

In den letzten fünf Jahren hat die Weltbank annähernd 2 Milliarden US-Dollar investiert, um die
Ausbreitung von HIV/AIDS einzudämmen und den Opfern wieder neue Hoffnung und eine
Perspektive zu geben. Ich verspreche hiermit, mich auch künftig mit aller Kraft für diesen Kampf
für das Leben und die Menschenwürde einzusetzen.

Ich weiß aber auch, dass die Weltbank ihr Engagement bei der Bekämpfung von Malaria
verstärken muss.

Wenn Tag für Tag fast 2.000 afrikanische Kinder an Malaria sterben, müssen wir einfach
handeln.

Wir müssen Malaria mit derselben Dringlichkeit bekämpfen wie HIV/AIDS. Und die
Erfahrungen in Vietnam beweisen, dass durch gezieltes Handeln hervorragende Ergebnisse erzielt
werden können. Im Jahr 1991 stellte die vietnamesische Regierung im Angesicht einer Malaria-
Epidemie, von der eine Million Menschen betroffen waren, Hilfen gezielt auf Dorfebene bereit
und verteilte dazu Moskitonetze, Medikamente sowie Insektizide. Innerhalb von fünf Jahren war
die Ansteckungsgefahr weitgehend gebannt und die Sterblichkeit sank um 97 Prozent—97
Prozent.

In mehr als einem Dutzend Ländern in Afrika wird die Weltbank in den nächsten drei Jahren
Mittel in Höhe von 600 Millionen US-Dollar für ein neues Förderprogramm zur Eindämmung der
Malaria zusagen. Wir haben uns klare Ziele gesetzt: Wir werden in diesen Ländern
Moskitonetze zur Verfügung stellen, damit 60 Prozent der Bevölkerung geschützt sind; und
innerhalb von 24 Stunden nach Auftreten erster Symptome werden 60 Prozent der Bevölkerung
Zugang zu einer adäquaten Behandlung haben.

Infrastruktur

Eine der Aussagen, die ich in den letzten Monaten in Entwicklungsländern—von Armen wie
Reichen, Bürgern und Führern gleichermaßen—immer wieder gehört habe, war, dass wir unsere
Rolle in Bezug auf Infrastrukturinvestitionen wieder besser ausfüllen müssen.

Die Infrastruktur ist die Lebensader für viele andere Dinge: das Gesundheitswesen, das
Bildungswesen, die Beschäftigung, den Handel.

Wir werden die Armut nicht besiegen können, wenn 90 Prozent der Unternehmen in Nigeria die
benötigte Energie mit Generatoren auf dem Hinterhof selbst erzeugen müssen. Die Einkommen
werden nicht steigen, wenn arme Bauern in Lateinamerika keine Straßen benutzen können, um
ihre Erzeugnisse zu den Märkten zu transportieren. Und auch in punkto Gesundheit werden sich
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keine Verbesserungen einstellen, wenn mehr als 2 Milliarden Menschen keinen Zugang zu
sauberem Wasser und Abwasserentsorgung haben.

Doch bei der Lösung dieser Infrastrukturprobleme müssen wir die richtigen Schlüsse aus den
Fehlern der Vergangenheit ziehen. Das intelligente Management der natürlichen Ressourcen
eines Landes ist unverzichtbar, um zu gewährleisten, dass kurzfristige Gewinne nicht auf Kosten
der langfristigen Gesundheit der Armen und Unversehrtheit ihrer Umwelt erzielt werden.

Energie und nachhaltige Entwicklung

Das intelligente Management der Ressourcen und der Umwelt trägt daher zum Wachstum bei.
Die internationale Gemeinschaft insgesamt muss in einer besser abgestimmten konzertierten
Aktion den Klimawandel mildern und sich darauf einstellen, und zugleich dem Energiebedarf der
Entwicklungsländer gerecht werden.

Das Mandat aus Gleneagles bietet uns die Möglichkeit, quer zu denken. Wir treiben den Dialog
über Energie und Entwicklung voran und suchen nach innovativen Einsatzmöglichkeiten für neue
Technologien. Wir intensivieren die Zusammenarbeit mit Partnerländern mit mittlerem
Einkommen wie Brasilien, China, Indien, Mexiko und Südafrika, die vor einem kräftigen Anstieg
der Nachfrage nach Energie stehen. Das Ziel ist dabei, zu einem neuen, klimafreundlicheren
Entwicklungskurs zu gelangen, der dem Energiebedarf der Entwicklungsländer gerecht wird.

Landwirtschaft

Vor vierzig Jahren verfasste ich während eines Management-Praktikums im US-amerikanischen
Bureau of the Budget ein Papier, mit dem ich darlegen wollte, warum die Vereinigten Staaten
besser subventionierten Dünger nach Pakistan liefern sollten, als Weizen zu Dumping-Preisen
anzubieten und die örtlichen Märkte zu zerstören.

Heute, vierzig Jahre später, scheinen wir in Afrika noch immer mehr oder weniger das Gleiche zu
tun—wir unterstützen die Hungerhilfe, anstatt zur Erhöhung der Agrarproduktion beizutragen,
um Hungersnöten vorzubeugen.

In Asien und Lateinamerika spielte die Grüne Revolution der 70er und 80er Jahre eine wichtige
Rolle bei der Verringerung der Armut und des Hungers sowie bei der Förderung des
Wirtschaftswachstums. Und doch sind die Hilfen für diesen Sektor in den 1990er Jahren
dramatisch gekürzt worden. Wir haben mittlerweile eine Trendwende eingeleitet, wodurch
bereits wichtige Erfolge erzielt werden.

Wissenschaftler in Lateinamerika und Afrika haben kooperiert, um die Cassava-Ernteerträge um
über 40 Prozent zu erhöhen. Und es besteht Grund zur Hoffnung, dass weitere Forschungen dazu
führen werden, dass der Nährwert von Grundnahrungsmitteln steigt.
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Doch Investitionen in die Landwirtschaft allein werden nicht zur Erhöhung der Einkommen der
Bauern führen. Reiche Länder müssen ihre Agrarsubventionen abbauen, die Preise verzerren und
den Marktzugang für arme Bauern beschränken.

Die erfolgreiche Liberalisierung des Handels im Rahmen der nächsten Doha-Runde ist ebenso
wichtig, um die Menschen zu befähigen, der Armut zu entrinnen, wie die Erhöhung der
Entwicklungshilfe und der Schuldenerlass.

IV. Afrika

Was bedeutet dies also nun für Afrika?

Genau hier stehen die Weltbank-Gruppe und andere Geber vor ihren schwierigsten Aufgaben,
wie der verehrte Vorsitzende bereits betont hat. Die Bedürfnisse in den Bereichen Bildung,
Ernährung, sauberes Wasser und Abwasserentsorgung, Gesundheit und Beschäftigung sind
gewaltig—und damit auch die Herausforderungen.

Dennoch bin ich voller Hoffnung. Nigerias Präsident Obasanjo sagte im Juni zu mir: „Afrika ist
ein Kontinent in Bewegung.“

Afrikaner stellen sich ihrer Verantwortung und nehmen ihre Zukunft selbst in die Hand.

In Nigeria wurden hochrangige Beamte wegen Bestechlichkeit zu Gefängnisstrafen verurteilt. In
Südafrika ist ein stellvertretender Präsident aus seinem Amt entlassen worden, weil sein Berater
Schmiergelder angenommen hatte.

Die neue Generation von Führern in Afrika gibt ein gutes Beispiel und tritt zurück, wenn die
Amtszeit endet oder sie abgewählt werden.

Doch vergessen wir nicht: Mit dieser Verantwortung können wir die Entwicklungsländer nicht
allein lassen. In Gleneagles wurde eine Partnerschaft zwischen Afrika und den G8-Staaten
begründet—eine Partnerschaft, deren Ziel es ist, Ergebnisse zu erzielen. Diese Partner
verpflichteten sich zur Erfüllung im Gegenzug für Unterstützung.

Die Millennium-Entwicklungsziele (MDG) sind ein wichtiger erster Schritt zur Festlegung der
Bedingungen für diesen neuen Pakt. Sie definieren eine Vision, um Millionen von Menschen bis
2015 aus der Armut zu führen.

Doch wir dürfen ebenfalls nicht vergessen, dass die MDG ohne Wachstum nicht erreicht werden
können.

Darüber hinaus müssen wir die Bedeutung von gemeinsamem Wachstum und Gleichheit für die
Verwirklichung dieser MDG anerkennen. Ohne nachhaltiges Wachstum ist ein echter
Armutsabbau unmöglich. Wachstum allein genügt allerdings nicht. Wie der in dieser Woche
veröffentlichte Weltentwicklungsbericht darlegt, ist es unverzichtbar, Chancengleichheit für die
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Armen zu schaffen, und zwar nicht nur, um ihnen ein besseres Leben zu bieten, sondern auch um
ihre Fähigkeit, selbst einen Beitrag dazu zu leisten, zu verbessern.

Um die Chancengleichheit zu verbessern, das gemeinsame Wachstum zu beschleunigen und zur
Verwirklichung der MDG beizutragen, rief die Weltbank Anfang dieses Monats einen
Aktionsplan für Afrika ins Leben. Dieser Aktionsplan legt 25 Initiativen fest, die über einen
Zeitraum von drei Jahren unter der Leitung afrikanischer Länder messbare Ergebnisse liefern
sollen. Wir dürfen auf den Fortschrittsbericht in ziemlich genau einem Jahr gespannt sein.

V. Auswirkungen für die Weltbank

Ob Investitionen in das Bildungswesen, das Gesundheitswesen, die Infrastruktur, die
Landwirtschaft oder die Umwelt—stets müssen wir von der Weltbank sicher sein, dass wir
Ergebnisse erzielen.

Und ich meine nicht irgendwelche Ergebnisse. Ich meine Ergebnisse, die einen echten, spürbaren
Einfluss auf das tägliche Leben der Armen haben. Wir haben ihnen gegenüber eine
Verantwortung.

Wir können nicht einfach zählen, wie viele Schulen, Krankenhäuser und Unternehmen wir
aufgebaut haben. Vielmehr geht es auch um die Qualität der Lehrpläne, die Qualität der
erbrachten medizinischen Leistungen und die Qualität der geschaffenen Arbeitsplätze. Wir
müssen uns sowohl der qualitativen als auch der quantitativen Probleme annehmen, die den
Armen Möglichkeiten nehmen.

Und wir müssen stets daran denken, dass wir bei diesem weltweiten Bestreben—das auf
Länderebene geleitet und definiert werden muss—nur ein Akteur von vielen sind. Wir dürfen
nicht vergessen, dass wir Teil eines Teams sind.

In Ruanda hatte ich die besondere Ehre, Dr. Agnes Binagwaho, der Vorsitzenden des dortigen
National AIDS Council, kennen zu lernen. Sie berichtete mir voller Stolz, dass ein Mann, der
allein in eine Klinik kommt, zunächst wieder nach Hause geschickt wird, um seine Frau und seine
Kinder zu holen, bevor er eine Behandlung erhält.

Dr. Binagwaho machte sich für ein anderes ebenso wichtiges Anliegen stark. Freundlich, aber
bestimmt besteht sie darauf, dass Ruandas Geberländer ein einziges integriertes
Gesundheitsprogramm unterstützen—damit es keine Ausgaben für Sonderinteressen mehr gibt,
sagt sie ihnen.

Sie bat uns, zur Verbesserung der Ergebnisse unsere Hilfe besser zu koordinieren, so dass sie und
ihr kleines Ärzteteam weniger Zeit mit den Geldgebern verschwenden müssten und ihnen
stattdessen mehr Zeit für die Rettung von Menschenleben zur Verfügung steht.

Die Ausweitung der Koordinierung direkt in den Ländern wird eine stärkere Mitwirkung seitens
des Stabes der Weltbank-Gruppe im Feld erfordern. Wir müssen daher unsere Bemühungen zur
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Dezentralisierung unseres Teams weiter verfolgen und mehr von den „richtigen Leuten“ im Feld
einsetzen, um den Entwicklungsbedürfnissen unserer Partner besser gerecht zu werden.

Und in unsere Bemühungen zur Ausweitung der Kapazitäten müssen wir auch unseren eigenen
Stab einbeziehen, insbesondere Frauen und Mitarbeiter aus Entwicklungsländern.

Schließlich, was ganz wichtig ist, haben wir von der Weltbank-Gruppe auch eine eigene
Verantwortung, die Korruption zu bekämpfen. Der Kampf gegen die Korruption ist nicht allein
eine Pflicht der Entwicklungsländer. Daran müssen wir stets denken. Hinter jedem, der sich
bestechen lässt, steht jemand, der besticht und der zur Rechenschaft gezogen werden muss.

Wir sind uns durchaus darüber im Klaren, dass unsere eigenen Projekte anfällig für Korruption
sein können, aber wir ergreifen entsprechende Maßnahmen.

Unter anderem arbeitet die Weltbank-Gruppe seit zwei Jahren an einem neuen Hilfsmittel zur
Bekämpfung der Korruption, dem „Voluntary Disclosure Program“.

Im Gegenzug für mildere Sanktionen und die Zusicherung der Vertraulichkeit bietet dieses
Programm Unternehmen die Möglichkeit, freiwillig Angaben zu ihrer eigenen Beteiligung an
Betrugs- und Korruptionsfällen im Zusammenhang mit den von der Weltbank finanzierten
Projekten zu machen.

Das Programm soll sicherstellen, dass Mittel ordnungsgemäß zum Vorteil der Armen verwendet
werden, und in diesem Schlüsselbereich höchste Standards festlegen.

VI. Jenseits der ärmsten Länder

Abschließend möchte ich an etwas erinnern, das wir alle wissen—die Welt verändert sich, also
müssen auch wir uns verändern.

Während wir unsere Mission weiterverfolgen, der Armut ein Ende zu setzen, müssen wir darauf
vorbereitet sein, uns auch als Institution weiterzuentwickeln. Wir müssen bereit sein, gemeinsam
mit unseren Partnern hinzuzulernen und außerdem auf neue und künftige Herausforderungen und
Probleme zu reagieren.

Heute leben in Ländern mit mittlerem Einkommen noch immer mehr als 1 Milliarde Menschen in
Armut. Wir dürfen sie nicht vergessen. Um den Ländern mit mittlerem Einkommen zu
florierendem Wachstum zu verhelfen, müssen wir unser Wissen und unsere Finanzierungsmittel
weiterhin für Projekte verwenden, die eigens auf ihre ganz besonderen Bedürfnisse zugeschnitten
sind.

Mit der Zeit—und wenn sich Ergebnisse einstellen—werden sich auch die Bedürfnisse dieser
Partner verändern. Erfolge werden neue Probleme mit sich bringen, die neue Lösungen erfordern
werden. Innovation und Anpassung werden also entscheidende Faktoren sein, um
sicherzustellen, dass die Weltbank in dieser sich verändernden Welt weiterhin Relevanz haben
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wird. Bisweilen sind die Probleme, die der Erfolg mit sich bringt, ebenso gewaltig wie jene, die
die Herausforderungen mit sich bringen.

Stecken wir also heute gemeinsam unseren Kurs für die Zukunft ab—eine Zukunft, in der die
Armen von heute die Unternehmer von morgen sein werden, in der die Krankheiten von heute
zum medizinischen Durchbruch von morgen führen werden, und in der die Kinder von heute zu
den Führern von morgen werden.

Vielen Dank.